Textatelier
BLOG vom: 22.06.2006

Zumutungen: Gedanken des Zeitungslesers in London

Autor: Emil Baschnonga
 
Dieser Zeitungsleser, der im Titel erwähnt ist, bin ich. Gestern, 21. Juni 2006, beim Lesen des „Evening Standard“, haben mich einige Gedanken angerempelt.
 
Rauchverbot im trauten Heim?
Der Leitartikel galt dem Rauchverbot, das ab nächstem Jahr 2007 vor den Bürohäusern und Bushaltestellen verhängt wird. Als Raucher, der sich von diesem Laster befreien möchte, sollte ich ja ganz dafür sein. Der Gesundheitsminister Lord Warner sagte aber ausserdem – und das stört mich sehr –, dass dieses Verbot vorderhand nicht auf Privatwohnstätten erweitert werde ... Das geht dem Staat einen Pfifferling an, ob ich zuhause rauche oder nicht – ausser meiner Frau und allenfalls Besucher, die auf Zigarettenrauch allergisch sind.
 
Jetzt wird draussen im Hochsommer wacker gegrillt – der Rauch steigt einem in die Nase und soll ebenfalls schädlich sein. Im Stau werden die Motoren nicht ausgeschaltet. Es geht nicht allein ums Rauchverbot, sondern um mehr und mehr Verbote überall, die jede noch so kleine Freiheit einengen. Die Engländer hatten einst eine ausgefeilt höfliche Art und baten: „Kindly refrain from smoking. Thank you!“ (Bitte enthalten Sie sich des Rauchens. Danke!). Das hat bei mir immer gewirkt, wenn ich einen Glimmstengel anzünden wollte.
 
Der 2-Jet-Tony-Blair
Nachdem der 2 Jag (Jaguar) John Prescott, stellvertretender Prime Minister, dank seines Techtelmechtels ohne Portfolio dasteht, und von Kollegen umringt ist, die auf seinen Posten lauern, lese ich auf der gleichen Seite, dass Tony Blair 2 Jets bestellt habe, die gemäss Leasing-Vereinbarung den Steuerzahlern jährlich £ 12 Millionen kosten sollen. Da Tony Blair wohl bald abdanken wird, sollte sein vorgeschobener Stellennachfolger, George Brown, diesen Vertrag jetzt schon annullieren, um wegen Finanznöten nicht noch mehr Personal aus dem angeschlagenen öffentlichen Gesundheitsdienst (National Health Service) entlassen zu müssen.
 
Unter Pressedruck: Pädophile
Die volkstümliche Presse im Kleinformat, in England „Tabloids“ genannt, übt mehr und mehr Druck auf die Regierung aus. Sexverbrecher, vorwiegend registrierte Pädophile, gehören nicht in die Nähe von Kindern, und die Eltern sollten wissen, wenn einer in ihrer Nähe haust. Dagegen hat sich die Regierung bisher gesträubt. Jetzt wird der „Home Office Minister“ Gerry Sutcliffe nach Amerika geschickt, um festzustellen, wie dort unter dem so genannten „Megan’s law“ die Eltern vor Sexualverbrechern gewarnt werden. Fehlt eine Regierungsstrategie, ist es gut und recht, wenn die Presse vorstellig wird, wobei nicht unbedingt gesagt ist, dass daraus wirksame Strategien entstehen.
 
Darlehen für den Kauf von Adelstiteln (Lords/Peerages)
Lord Levy, der solche Titel verkaufte, um den Labour-Fonds aufzubauschen, soll demnächst hinter geschlossenen Türen einem Komitee, von allen Parteien beschickt, Red’ und Antwort stehen. Dabei soll er erzählen, wie es dazu kam, dass rund 20 Kandidaten für solche Titel gegen Darlehen nominiert worden sind. Warum hinter geschlossenen Türen? frage ich mich. Hat das Publikum heute in einer Demokratie kein Recht mehr, auf dem direkten öffentlichen Weg über solche Gesetzesbrüche informiert zu werden?
 
Parkbussen
Der Autofahrer ist rechtens empört, wenn er mit allen Schlichen und Schikanen mit heftigen Parkbussen bestraft wird. In den Jahren 2004/5 wurden in London allein 5 Millionen Bussen verhängt. Jede Lokalbehörde hat ihre eigenen Parkvorschriften. Sogar nachtsüber und an Sonn- und Feiertagen wird nach Parksündern gefahndet, angetrieben vom Bonussystem. Über Nacht werden gelbe Parkverbotslinien gemalt, sogar wo ein Auto ordnungsgemäss parkiert ist. Der Pinsel aber kann nicht unter den Reifen malen, und dieser Skandal flog auf. Jetzt soll, wiederum auf Druck seitens der Presse, gegen solchen Unfug eingeschritten werden.
 
Ich selbst fahre immer weniger Auto, bin zum Fussgänger geworden, fahre Velo oder nehme den Bus im lokalen Umkreis. Die Autohersteller preisen ihre Vehikel auf verkehrsfreien Strassen, gerne serviert mit halbnackter Weiblichkeit, und streichen unrealisierbare Spitzengeschwindigkeiten hervor. Das Zeitalter des Autos nähert sich langsam, aber sicher dem Ende, was mich kaum nennenswert betrübt oder beschwert. In absehbarer Zeit werden, wer weiss, wieder Kühe auf der M25 grasen können …
 
Erschwingliche Wohnungen für Lehrer und Schwestern?
Wer von Ihnen kann das bezahlen: £ 403 000 für eine Zweizimmer-Wohnung im Londoner Stadtteil Fulham oder £ 396 000 in Bermondsey? Über solche skandalösen Wucherpreise wurde in der gleichen Ausgabe des „Evening Standard“ berichtet, abgestützt auf einen „London Assembly Report“. Die hochelastische Definition, was erschwinglich ist, erlaubt den Bauherren/Spekulanten, Wohnklötze mit eng bemessenen Wohnungen zu bauen, die sich selbst ein gut bezahlter Arbeiter oder Angestellter bei weitem nicht leisten kann. Der Mietwucher gehört in diesem Zusammenhang ebenfalls angeprangert.
 
Supermärkte unter Presse-Beschuss
Die Tesco-Kette, die sich überall auf Kosten der kleinen Läden einnistet, hat eine Welle der Empörung entfacht, obwohl viele jener, die dagegen sind, weiterhin im Tesco kaufen. Somit geht das „Lädeli-Sterben“ weiter.
 
Das „Women’s Institute“ (Frauen Institut) zieht jetzt in den Kampf gegen überverpackte Nahrungsmittel. Dazu wünsche ich diesem Institut viel Erfolg und hoffe, dass es auch die für meine Finger und Handgelenke gefährlichen Verschlüsse aufs Korn nimmt.
 
Den reinsten Blödsinn verzapfte Kevin Hawkings, Generaldirektor des „British Retail Consortium“: „Wir entschuldigen uns nicht für die Verpackungen, sie belasten die Entsorgung nicht – ganz im Gegenteil. Verpackung hält uns sicher und gesund und ermöglicht einen modernen Lebensstil.“
 
Auch das Abkratzen der zähen Etikette auf jedem Apfel, der zuerst einen Standardring durchlaufen muss, bis er in die Auslage kommt, gehört in solche Feldzüge zu Gunsten der Konsumenten aufgenommen.
 
Auktionsfieber: Modigliani
Keith Dovkants Artikel auf Seite 21 des gestrigen „Evening Standard“ mit dem Titel „Modigliani’s doomed love leads £ 88 Millionen art bonanza“ (Modiglianis Liebesverhängnis treibt das £ 88 Millionen Kunst-Preisgerangel) hat treffend bemerkt; „Wir leben in der Welt von Gucci und Prada mit ihren ‚must-have labels’ (Brands oder Marken, die man haben muss). Dies gilt jetzt auch für Spitzenwerke der Kunst.“
 
Dies erwies sich auch auf der Basler Kunstmesse, wo wie anderswo auch: Reiche Bonzen aus Russland, Indien und Amerika Kunst kauften, als Spekulationskäufer auftretend, ohne jedes Gespür für Kunst und Qualität. „Unkultivierte Brigante“ nennt sie Dovkant. Ich stimme mit ihm überein.
 
Auf dem Kunstmarkt geht es wie auf der Börse, ‚mal auf, mal ab’. Auch diese Kunstspekulanten sind diesem Wechselspiel ausgesetzt. Ihr teuer erkauftes Bild hängt schief an der Wand, sobald sein Geldwert abstürzt. Weg mit diesem Fiasko. Vielleicht gelingt es dann einem Museum, dieses herrliche Modigliani-Porträt von der Jeanne Hébuterne „Au Chapeau“ in ihrer Sammlung dem Publikum zu zeigen.
 
Damit habe ich erst die Seite 21 von 64 erreicht, und will jetzt aufhören, denn der Rest gilt vorwiegend den Mordtaten und der breitgewalzten Fussball-WM mit Wetter- und Horoskop-Einschüben. Ich vermisse witzige Feuilletons und gelungene Karikaturen. Aber ich bin froh, dass es mehr und mehr kritische Pressestimmen gibt.
 
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